Gesellschaft

Urbanisierung

In Japan konzentriert sich alles auf die Metropole Tokyo. Sie ist das Zentrum der Kanto-Region im Osten Japans, in der rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung wohnt (42 Millionen Menschen). Dazu zählen die Präfekturen Gunma, Tochigi, Ibaraki, Saitama, Tokyo, Chiba und Kanagawa. Der Größenvergleich zeigt die Größe Kantos: In Nordrhein-Westfalen, dem größten Ballungsraums Europas, leben auf der gleichen Fläche rund 18 Millionen Menschen.

Die Präfektur Tokyo, die die drittkleinste in Japan ist, führt mit rund 12,5 Millionen Einwohnern die Liste der bevölkerungsreichsten Präfekturen an. Es folgen Osaka, Kanagawa, Aichi und Saitama mit je über 7 Millionen Einwohnern.

Nirgends ist die Bevölkerungsdichte in Japan so hoch wie in Tokyo, mit rund 5.750 Personen pro Quadratkilometer. Der Landesdurchschnitt liegt bei rund 340 Personen pro Quadratmeter. In Deutschland im Vergleich dazu sind es 230 Personen.

Die Stadtbevölkerung nimmt stetig zu. Lebten 1985 noch 42,4 Prozent der Japaner im Umkreis von 50 Kilometern um eine der drei größten Städte – Tokyo, Osaka oder Nagoya –, waren es 2005 44.9 Prozent. Die drei Megastädte nehmen aber nur 6.1 Prozent des ganzen Landes ein.

Die Landflucht und ihre Folgen werden in Japan thematisiert. Dies zeigt sich in dem Begriff „shutter dori“, von Englisch „shutter“ für Rollladen und Japanisch „dori“ für Straße. Er bezeichnet verwaiste Dörfer und Kleinstädte, in denen immer mehr Geschäfte in den Einkaufsstraßen schließen, weil Kunden ausbleiben oder Nachfolger fehlen. Um Leute anzuziehen, gehen manche Orte so weit, Baugrund zu verschenken.

Lebensmodelle

Japan ist eine urbane Gesellschaft, in der nur knapp 5 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist. Die Gesellschaft ist geprägt von verschiedenen sozialen Phänomenen. Wie auch in anderen Industrieländern der Welt ist das Altern der Gesellschaft („koreika“) seit den 1970er Jahren ein Dauerthema in der öffentlichen Diskussion, auch wegen der Frage nach der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme. So wird geschätzt, dass im Jahre2025 ein Viertel der Bevölkerung älter als 65 Jahre sein wird.

2005 gab es erstmalig mehr Todesfälle als Geburten. Während in der Nachkriegszeit die Geburtenrate in Japan bei 4,3 Kindern pro Frau lag, ist sie mittlerweile auf rund 1,2 Kinder gesunken. Die japanische Gesellschaft vollzieht allmählich einen Wandel hin zu mehr Singlehaushalten und kinderlosen Doppelverdiener-Haushalten (LINKS: „double income, no kids“).

Die Mehrheit der Japaner zählt sich zur Mittelschicht. Eine typische Familie besteht aus einem Mann, der als „salaryman“ bei einem Großunternehmen arbeitet, und einer Frau, die entweder bis vor der Hochzeit, oder bis zur Geburt der Kinder als „office lady“ tätig war, und danach als „Berufshausfrau“ („sengyo-shufu“). Daneben gibt es weitere Lebensmodelle, die von der japanischen Gesellschaft teils mit Sorge gesehen werden, und die im Folgenden vorgestellt werden.

Salary(wo)man

Eine typische „salary(wo)man“-Karriere beginnt im Alter von 21 Jahren, wenn sich die Studierenden im dritten und vorletzten Jahr an der Universität in schwarzen Anzügen/Kostümen und weißen Hemden/Blusen auf Jobsuche begeben. Meist halten Großfirmen extra Veranstaltungen für sie ab. Nachdem sie Aufnahmetests und Interviewrunden durchlaufen haben, treten die meisten kurz nach ihrem Abschluss im April des Folgejahres eine neue Stelle an. Das erste halbe Jahr ist geprägt von Einführungsveranstaltungen, um den Neulingen die japanische Business- bzw. die jeweilige Firmenkultur nahezubringen. Eine berufsbegleitende Ausbildung – einer Lehre ähnlich – findet nicht statt.

Bei der Einstellung spielt die Fachrichtung des Absolventen häufig eine untergeordnete Rolle. Durch ein weit verbreitetes Rotationssystem werden japanische Arbeitnehmer zu Generalisten ausgebildet. Sie werden alle ein bis drei Jahre in eine neue Abteilung oder gar an einen neuen Standort versetzt. Je nach Branche (z.B. im Bankenwesen) ist dies gesetzlich vorgeschrieben.

Während der ersten zehn Jahre im Unternehmen verdienen sie vergleichsweise wenig, die Arbeitszeiten sind sehr lang. Mit zunehmendem Alter steigt ihre Verantwortung, die Arbeitszeiten gehen etwas zurück. Im Extremfall gehen, wenn die Arbeitnehmer die 50 überschritten haben, die Aufgaben so zurück, dass Mitarbeiter auf den hohen Führungsebenen mit der Arbeitsrealität eines Unternehmens nichts mehr zu tun haben. Da sie als Ranghöchste üblicherweise am Fenster sitzen, wurde für sie der Begriff „Fenster-Leute“ geprägt.

Japanrückkehrer, Halbjapaner

Das Verhältnis von Japan zum Ausland ist – über 150 Jahre nach der Öffnung der Inselnation – zwiespältig und geprägt von Neugierde und Bewunderung einerseits und (ängstlicher) Ablehnung und Verachtung andererseits.

Ein längerer Auslandsaufenthalt prägt. Zudem gibt es nur wenige Ausländer in Japan. An den Umgang mit ihnen sind die meisten Japaner nicht gewöhnt. Umso schwieriger ist es für Japaner nach einem Auslandsaufenthalt zurückkehren. „Kikokushijo“, Japaner, die im Ausland aufwachsen oder dort studieren und arbeiten, haben danach häufig Schwierigkeiten mit der Wiedereingliederung in die japanische Gesellschaft. Einerseits werden sie für ihre Sprachkenntnisse bewundert. Andererseits haben sie Probleme, weil sie die ungeschriebenen Regeln der japanischen Gesellschaft nicht (mehr) gut kennen. Pro Jahr kehren etwa 10.000 Kinder mit ihren Eltern aus dem Ausland zurück; nur 40 Prozent konnten im Ausland japanische Schulen besuchen. Seit 1997 wurde es für Auslandsrückkehrer durch verschiedene Neuregelungen leichter, an einer Universität in Japan zugelassen zu werden.

Eine weitere Gruppe, die ähnliche Anpassungsschwierigkeiten – auch infolge von Diskriminierung – hat, sind „hafu“ (vom englischen „half“), also Halbjapaner. Sie mögen wie Japaner aussehen, aber je nach Erziehung sprechen sie nicht unbedingt (gut genug) Japanisch.

Otaku

Mit „otaku“ sind Menschen gemeint, die einer obsessiven Leidenschaft für ein (oftmals virtuelles) Hobby nachgehen. In Japan sind damit meist junge Männer gemeint, die sich z.B. in Tokyo im Stadtteil Akihabara ihrer extremen Begeisterung für Manga, Anime, Videospiele, Szene-Stars und dergleichen hingeben. Taro Aso, zwischen Sommer 2008 und 2009 japanischer Premierminister ist ein bekennender Manga-„otaku“. Auch wenn das Objekt der Leidenschaft unterschiedlich ist – allen gemein ist die Tatsache, dass sie Experten für ein Thema sind, und ihr Leben aktiv und extrem danach ausrichten.

Freeter & NEET

Ein weiteres soziales Phänomen sind die „freeter“ (auch „furita“). Der Begriff ist eine Mischung aus dem englischen „free“ und dem deutschen „Arbeiter“. Denn in Japan wird der Gelegenheitsjob mit dem deutschen Wort „Arbeit“ (ausgesprochen „arubaito“) umschrieben. Der Begriff kam 1987 erstmals auf. Er stand für junge Leute, die sich dem vorgezeichneten Karriereweg bei einem Großunternehmen entzogen, entweder weil sie bewusst andere Träume verfolgten, oder weil sie mangels Ausbildung keine andere Chance sahen. Heutzutage sind damit Leute zwischen 15 und 34 gemeint, die sich mit häufig wechselnden, schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs, wie in Convenience Stores oder Fast Food-Läden, durchschlagen. Deswegen haben sie Schwierigkeiten, sich selbst zu versorgen, oder eine Familie zu gründen. Schätzungen zufolge gab es in den 1980ern weniger als eine Million „freeter“, doch bis zur Jahrtausendwende hatte sich die Zahl verdoppelt. Infolge der Wirtschaftskrise 2008 steigen die Zahlen derzeit weiter an. Die Schere in der Gesellschaft öffnet sich.

Ein ähnliches Phänomen sind „NEET“. Die Abkürzung bedeutet „Not in Employment, Education or Training” („nicht angestellt, in Ausbildung oder in Weiterbildung“). Der Begriff kam in Großbritannien auf, und wird auch in Asien verwendet. In Japan werden damit Leute zwischen 15 und 34 bezeichnet, die weder angestellt, noch verheiratet, noch in Aus- oder Weiterbildung sind, und die auch nichts dazu tun, dies zu ändern. Häufig ist damit ein vorübergehender Zustand gemeint, in dem junge Leute nicht wissen, welchen Lebensweg sie einschlagen sollen, und daher eine Weile ihr leben führen, ohne sich zu entscheiden.

Soziales Netz

Das soziale Netz in Japan ist deutlich grobmaschiger als in Deutschland. Wer die Firma verlassen muss, bekommt üblicherweise drei Monate lang zwei Drittel seines vorherigen Gehaltes vom Staat als Arbeitslosengeld; dieser Zeitraum kann auf maximal 330 Tage ausgedehnt werden, wenn die Branche des Betroffenen durch die Rezession betroffen ist. Sozialhilfe vom Staat bekommt in Japan nur, wer nicht arbeiten kann oder keinen Rentenanspruch hat.

Von der Weltwirtschaftskrise besonders betroffen sind Zeit- und Vertragsarbeiter in Japan, da sie leichter als Festangestellte entlassen werden können, und kaum sozial abgesichert sind. Man schätzt, dass bereits über 40 Prozent der japanischen Arbeitnehmer keine der für Japan als typisch betrachteten Stellen auf Lebenszeit mehr bekommen.

Bei vielen Fabrikarbeitern in Japan ist der Arbeitsplatz an eine günstige Firmenwohnung gekoppelt. Verlieren sie ihre Stelle, ist die bezahlbare Wohnung auch weg. Wer in Japan aber keinen festen Wohnsitz nachweisen kann, bekommt keine Festanstellung. Es gibt mehr und mehr junge Japaner, die mangels Wohnung in rund um die Uhr geöffneten Manga- oder Internetcafés übernachten. Die Alternative ist das Leben auf der Straße, das sich in Japan in Hütten aus blauen Plastikplanen in Parks manifestiert, die sich Obdachlose gezimmert haben.

Die Zahl der Selbstmorde hat seit der Wirtschaftskrise zugenommen. Ebenso das Phänomen, dass Manager, die jahrelang erfolgreich im Beruf waren, den Druck nicht mehr aushalten, sich wie Hikikomori von der Gesellschaft zurückziehen, und vorübergehend arbeitsunfähig werden.

Rolle der Frau

Die Kluft zwischen Männern und Frauen wird jährlich im Global Gender Gap Report analysiert. In einer Auswahl von 134 Ländern kam Japan 2009 auf Platz 75 – drei Plätze hinter Italien. Österreich ist auf Rang 42, Deutschland auf Rang 12 zu finden, hinter Ländern wie den Philippinen, Südafrika und Lesotho. Die geringste Kluft wird in skandinavischen Ländern verzeichnet.

Mehr noch als Deutschland ist Japan eine Männergesellschaft. Auch wenn es seltener vorkommt, dass weibliche Angestellte als „Tee-Frauen“ lediglich Tee servieren, so finden sich doch viele in wenig anspruchsvollen Verwaltungsjobs wieder.  Frauen in Führungspositionen sind selten. Dies hat verschiedene Gründe: Diskriminierung, die Tatsache, dass es wenig weibliche Vorbilder gibt, die stärkere Trennung der Sphären von Mann und Frau im täglichen Leben, und – mit der Hauptgrund – die japanische Einstellung zur Arbeit. Arbeitstage von 15 Stunden sind, selbst mit Hilfe einer Nanny, mit dem Muttersein kaum vereinbar.

1985 wurde in Japan das erste Gesetz zur Gleichstellung von Männern und Frauen (Equal Employment Opportunity Law) erlassen. Dennoch erhalten japanische Frauen bis zu 20 Prozent weniger Gehalt (ähnlich wie in Deutschland), und werden bei Beförderungen häufiger übergangen. Sobald sie Kinder bekommen, wird es zeitlich schwierig, ihre Karriere wie bisher fortzuführen. Beruflich erfolgreiche Frauen verzichten daher oft darauf, eine Familie zu gründen. Es gibt zwar Kinderbetreuung schon für Säuglinge, aber Plätze sind rar.

 1985 waren nur 6,6 Prozent aller Managementpositionen in Frauenhand. 20 Jahre nach dem Gleichstellungsgesetz belief sich die Zahl auf 10,1 Prozent – und das, obwohl die rund 27 Millionen arbeitenden Japanerinnen knapp die Hälfte des Arbeitsmarktes ausmachen. In Deutschland arbeiteten 1985 25,8 Prozent der Frauen auf Managementebene, 20 Jahre später 37,3 Prozent. In anderen asiatischen Ländern wie Malaysia und Singapur schnellte die Rate im Vergleichszeitraum von um die 10 Prozent auf über 23 Prozent.

Auch wenn sich in der aktuellen Generation der 20- und 30-jährigen Japaner die Einstellung zu Arbeit und Familie ändern, und sie sich eine bessere Balance wünschen, bleiben die weiterhin langen Arbeitszeiten eine Hürde. Erst seit sich mit den jährlich sinkenden Geburtenraten ein Mangel an Arbeitskräften in der Zukunft abzeichnet, wird japanischen Frauen eine größere Bedeutung für den Arbeitsmarkt zugestanden.

Selbst bei Fällen eindeutiger Diskriminierung strengen nur wenige Frauen einen Prozess vor Gericht an. Sowohl, weil Japaner generell den Gang vors Gericht scheuen, als auch, weil es kaum Möglichkeiten gibt, die diskriminierenden Firmen zur Verantwortung zu ziehen.

Gegenwärtige soziale Trends

Konnten sich Japaner über Jahrzehnte hinweg darauf verlassen, eine einmal erhaltene Anstellung in einer Firma bis zur Rente zu behalten, wankt diese Praxis seit den krisenbehafteten 1990ern. Zwar ist die lebenslange Anstellung bei einer Firma immer noch das gesellschaftliche Ideal, doch gerade jüngere Japaner wollen oder müssen den Arbeitgeber wechseln. Als minimale Verweildauer in einem Unternehmen werden drei Jahre betrachtet.

Der Begriff „Work-Life Balance“ spielt auch in Japan eine zunehmende Rolle. In diesem Zusammenhang versuchen Japaner bei einem ausländischen Unternehmen anzuheuern, weil dort die Firmenkultur meist weniger (japanisch) streng ist, und Urlaub von mehr als einer Woche oder kürzere Arbeitszeiten gestattet sind bzw. sich nicht negativ auf die Karriere des Mitarbeiters auswirken.

Die langen Arbeitszeiten sind auch der Grund, warum sich viele japanische Paare im Laufe ihres Lebens voneinander entfremden. Deswegen häufen sich die Scheidungen in Japan, wenn der Mann pensioniert wird, und er – im Gegensatz zu vorher – auf einmal viel Zeit zuhause verbringt. Meist war er der Alleinverdiener der Familie. Mit dem  Eintritt des Mannes ins Rentenalter stehen seiner Ehefrau jedoch seit einer Gesetzesänderung 2007 nun bis zu 50 Prozent seiner Rente zu, während sie bei einer Scheidung vorher nur auf eine Geldsumme hoffen konnte, mit der man in Japan kaum ein Einzimmerapartment einen Monat lang mieten kann. Es wird deswegen ein Ansteigen der Scheidungsrate befürchtet  („Jahr 2007-Problem“). Die Scheidungsquote in Japan lag 2008 bei 1,99 pro 1.000 Einwohner, in Deutschland bei 2,3.

Japan ist eine „vergreisende Gesellschaft“: In 20 Jahren werden rund 30 Prozent der Japaner im Rentenalter sein. Lebten frühere mehrere Generationen unter einem Dach, löst sich der Familienverbund in den letzten Jahrzehnten zunehmend auf. Benötigen ältere Familienmitglieder Pflege, wird diese von Pflegekräften außerhalb der Familie übernommen. Japan hat jedoch wie Deutschland das Problem, dass es an ausgebildeten Pflegekräften mangelt und ihre Bezahlung viel Geld kostet. Umgekehrt wird der „Silbermarkt“ auch als Chance für die Wirtschaft gesehen.