Japanische Unternehmen und Organisationen haben sich bei einem Business Forum in Tokio über Marktchancen und Branchenentwicklungen mit einer Wirtschaftsdelegation aus Berlin ausgetauscht. Das Motto des Forums lautete: „Common Challenges, shared solutions“.

Hauptstädte als Partner

Anlässlich des Japan-Besuchs von Michael Müller, regierender Bürgermeister von Berlin, sowie zahlreicher Wirtschaftsvertreter zum 25-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft mit der Hauptstadt Tokio hatten die AHK Japan und die IHK Berlin zu der gut besuchten Veranstaltung in Roppongi Academyhills eingeladen. Anlass war die G20-Bürgermeisterkonferenz in Tokio.

Das Forum richtete sich an japanische Unternehmen, Institutionen und Behörden sowie lokale deutsche Unternehmen aus den Bereichen nachhaltige Urbanisierung und Infrastruktur, digitale Wirtschaft sowie innovative Gesundheitswirtschaft. Zudem wurden Chancen für Kooperationen mit den Berliner Unternehmen aus den genannten Branchen geboten. Der Handel zwischen Berlin und Japan beläuft sich mittlerweile auf jährlich über eine halbe Milliarde Euro.

Schwerpunkt Recycling

In ihrer Begrüßungsrede verwies Gouverneurin Yuriko Koike auf die langjährige Zusammenarbeit zwischen Berlin und Tokio auf den Kernfeldern Stadtentwicklung, Umwelt und Kultur. Ein Schwerpunkt der G20-Bürgermeisterkonferenz sei „Kreislaufwirtschaft“, berichtete Koike. Deutschland mache Fortschritte bei erneuerbaren Energien, während es in Japan den „Mottainai“-Geist gebe, also das Bedauern, etwas wegzuwerfen, das sich noch nutzen lasse.

Dieser Geist passe zu deutschen Recycling-Anstrengungen, sagte Koike. Damit spielte die Gouverneurin auf die Partnerschaft zwischen den Recycling-Unternehmen Alba aus Berlin und SEIU Japan aus Tokio an, die kurz darauf feierlich unterzeichnet wurde.

Kooperation statt Nationalismus

Berlins Bürgermeister Müller erklärte in seinem Grußwort, es sei geradezu unverzichtbar, den Austausch zwischen den beiden Hauptstädten weiter voranzutreiben, gemeinsam über innovative Lösungen zu sprechen und neue Ideen zu entwickeln. Darin zeige sich nämlich auch eine politische Haltung gegen Kräfte, die auf nationale Alleingänge, auf Abschottung und auf ein Denken in Nullsummenspielen setzten.

Großes Zukunftschancen maß Berlins Bürgermeister dem Bereich Wissenschaft und Innovation bei. „Sowohl Berlin als auch Tokio sind Hotspots der Startup-Szene und ich bin überzeugt davon, dass hier große Potenziale sowohl für unsere jeweiligen Städte als auch für unsere Kooperation liegen“, sagte Müller. Der Politiker lud Gouverneurin Koike ein, Berlin noch im Jubiläumsjahr zu besuchen.

Berliner Stärken

In seiner Einführung zu dem Business Forum konzentrierte sich Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berlin und Leiter der Berliner Wirtschaftsdelegation, darauf, wie die deutsche Hauptstadt die aktuellen Zukunftsherausforderungen positiv mitgestalten könne. Beispielsweise hätten Berlin und Umland die deutschlandweite höchste Dichte von Firmen und Forschungseinrichtungen, die an Lösungen für die Energiewende arbeiten.

Über 20.000 Unternehmen mit rund 360.000 Beschäftigten machten die Hauptstadtregion zum Aushängeschild der deutschen Gesundheitswirtschaft, ergänzte Eder. „Nicht zuletzt ist Berlin der digitale Hub Europas“, betonte der IHK-Chef. Fast 10.000 Unternehmen der IT-Branche erwirtschaften jährlich einen Umsatz von 13 Milliarden Euro. Berlins lebendige Start-up-Community generiere europaweit eines der größten Volumen an Venture-Kapital, sagte der Chef der Berliner IHK.

Tokio als Mega-City

In seinem Grundsatzvortrag verglich Professor Hiroo Ichikawa, Geschäftsführer der Mori Memorial Foundation, die deutsche und japanische Hauptstadt anhand zahlreicher Bewertungsmodelle und -kriterien. Der Unterschied liege auf der Hand: „Deutschland hat keine einzige Mega-City, Tokio ist eine Mega-City“, sagte Ichikawa. Berlin habe eine „sehr angenehme Bevölkerungszahl, aber die Lebensqualität in Tokio ist auch nicht schlecht“, führte der Experte aus.

Beim Global Power City Index liegt Tokio auf dem dritten Platz hinter London und New York, Berlin auf dem achten Platz hinter Seoul, Amsterdam, Singapur und Paris. „Das Ranking verbessert sich häufig nach besonderen Ereignissen in einer Stadt, etwa nach den Olympischen Spielen in London 2012“, berichtete Ichikawa. Seine Andeutung: Der Rang von Tokio könnte sich infolge von Olympia 2020 verbessern.

Neben der Hardware einer Stadt wie ihrer Infrastruktur gebe es noch „immaterielle Werte“, die sich im Lebensgefühl der Bewohner widerspiegelten, erklärte Ichikawa. Für diese Bewertung habe man die Themen Effizienz, Wandel und Wachstum, Genauigkeit und Geschwindigkeit, Gastfreundlichkeit und Sicherheit betrachtet. Das Ergebnis: Unter 21 Städten liegt Tokio an erster, Wien an zweiter und Berlin an siebter Stelle.

Panelrunde Berlin-Tokio

Bei der abschließenden Gesprächsrunde stand zunächst eine Berliner Innovation im Fokus. Die Berliner Verkehrsbetriebe planen eine App, die dem Nutzer alle Verkehrsmittel vom Start bis zum Ziel anbietet, von der U-Bahn-Fahrkarte bis zum Mieten eines E-Tretrollers und eines Autos. „Wir wollen Google und Apple nicht den Verkehr überlassen“, sagte Sigrid Nikutta, CEO der Berliner Verkehrsbetriebe. Aber das Rückgrat der Mobilität bleibe der öffentliche Nahverkehr.

Unterstützung kam von Kazuhiko Muto vom Forschungsförderer NEDO. Auch die japanische Regierung konzentriere sich auf das Thema Mobilität. Für eine solche Smartphone-App wie in Berlin gebe es großes Potenzial, nur zwölf Prozent der Tokioter Bewohner benutzten das Auto, berichtete er. Doch der Umgang mit personenbezogenen Informationen sei noch ein Hindernis. Dafür müsste man feste Regeln schaffen.

Zu Wort kam auch Ken Hasebe, Bürgermeister des Tokioter Stadtbezirks Shibuya. Man arbeite in Sachen Verkehr mit Privatunternehmen zusammen, da Shibuya nur 15 Quadratkilometer groß sei, erklärte Hasebe. Aber man sei offen für Neues. Zum Beispiel gebe es ein Projekt, dass der Wegwerfartikel Regenschirm weiter genutzt werde. Shibuya sei auch sehr hügelig, daher teste man das „Teilen“ von Kinderwagen.

Energie und Digitalisierung

Stefan Franzke von der Berliner Wirtschaftsförderung berichtete über Anstrengungen für eine dynamische Digitalisierung und nannte drei ausschlaggebende Faktoren für Berlin: Erstens eine starke Technologieorientierung mit 4,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Forschungsbereich, zweitens eine Offenheit für junge Talente dank 190 verschiedenen Nationen in Berlin und drittens eine große Toleranz und ein positives Lebensgefühl in der Stadt. Ausdrücklich lobte Franzke die Investition des Softbank Vision Fund in das Berliner Start-up Getyourguide.

Michael Geissler, CEO der Berliner Energieagentur, warb für den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Energienutzung. Die Auswertung von Daten könne dabei helfen, die Energienutzung in sogenannten Micro-Grids zu optimieren. Berlin sei technisch auf dem gleichen Niveau wie Tokio und Informationstechnologie der wesentliche Schlüssel, damit erneuerbare Energien in einer Stadt in Berlin von den Verbrauchern gekauft und benutzt würden, erklärte Geissler.

Das Programm sowie eine Liste der anreisenden Berliner Unternehmen finden Sie unter den folgenden Links:
Berliner Unternehmen (PDF)
Programm (PDF)

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